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Die Angst vor dem Erfolg

Aktualisiert: 19. Juli 2023

79 v. Chr. Pompeji, Italien –


Es war nicht in den Morgenstunden, auch wenn sich dies vielleicht malerischer anhört. Vogelgezwitscher, Kinder, die auf der Straße spielen. Es war auch nicht im Sommer, wie überall angenommen. Und es lag sicher etwas in der Luft, dass die Tiere begannen zu ahnen. Der Mensch jedoch hat sich angesiedelt. Hat seine Häuser fest in den Berg gebaut. In den Berg, der keiner ist, der nur schläft.


Er hat keine Spitze. Seine Krone malt keine Gesichter in die Schatten der Berge. Er thront an einem warmen Ort. Unter ihm wohnen Menschen, seit Jahrhunderten. Immer und immer wieder erschüttert sein lebendiges Inneres die Straßen um Pompeji.


Er hat sich von seinem Gesicht befreit, vor tausenden von Jahren. Hat es hoch in die Luft geworfen und sich auf ewig davon befreit. Ohne Mimik, ohne Gestik kann man ihn jetzt nur noch lesen, wenn man ihm zuhört. Leise. Man kann ihn spüren, wenn er sagt: „Ich bin noch da“.


Genauso gesichtslos und unerwartet bringt er den Tod mit sich. Und das tat er an diesem Tag in der letzten Oktoberwoche im Jahr 79 v. Chr., an dem der Sommer fast zu Ende war. Dieser Tag, dieser Ort war der Ausstieg einer meiner Klientinnen aus ihrem letzten Leben.


Zwanzig Jahre vor jenem Herbsstag 79 v. Chr. macht sich ein kleiner italienischer Junge auf den Weg. Im Alter von 7 Jahren etwa stieg er im Spätsommer, als die Felder gerade abgeerntet waren auf einen Holzkarren, der von einem mageren Pferd gezogen wurde. Sein Vater und seine Mutter blieben am Haus zurück. Seine Mutter nahm die Hände vor ihr Gesicht. Der Vater tröstete sie. Es war ein Abschied für immer. Auch wenn an dieser Stelle Herzen brachen, gab es für die große Familie keine andere Lösung. Es ging darum, dass alle es schaffen würden. Auch ihr geliebter Sohn.


Zwanzig Jahre später stand ebendieser Junge auf dem Höhepunkt seiner Karriere in der Arena von Pompeji. Das goldene Schwert in der Hand. Seinen Kopf zierte ein goldener Helm – am oberen Punkt in der Mitte wehte ein roter Federkamm sanft im Wind. Auf der Tribüne links und rechts tobten Menschen um das große Gefecht zu erleben. Niemand wusste, was sich Minuten später ereignen würde. Der Himmel hatte sich zugezogen. Der große Unbekannte schlief nicht mehr und hatte angefangen zu rauchen. Doch Niemand erkannte die Gefahr. Sein Blick schweifte durch das oval der Arena, vorbei an den seitlichen Ausgängen und zum höchsten Punkt in der Ferne. Er wusste, er würde gewinnen. Es war sein großer Kampf. Den Kampf mit seinem Herzen hatte er bereits gewonnen.

In Bruchteilen von Sekunden färbte sich der Himmel schwarz. Ein Fels, groß wie drei Fußbälle fiel zuerst in den linken Teil der Tribüne, in die Zuschauermenge. Ein zweiter folgte sofort und schlug in den rechten Teil der Arena ein. Die Zeit blieb stehen in diesem Moment für den letzten Gladiator von Pompeji. Kurz darauf erhob sich eine Schlammlavine über die Tribüne. Drei Sekunden, zwei Sekunden. Ein letzter Gedanke in glanzvoller Rüstung.


Meine Klientin ist heute 45 Jahre alt. Ihr Freund nennt sie „mein kleiner Italiener“ immer schon. Sie hat sich immer gefragt warum er das tut. Sie hat Angst erfolgreich zu sein. Sie ist Schmuckdesignerin und immer, wenn sich Erfolg abzeichnet hat sie Angst zu sterben. Eine innere Mauer, Blockade, eine Schutzvorrichtung hält sie ab vor dem unvermeidlichen letzten Ausstieg: „Wenn du erfolgreich bist, stirbst du.“

Und wie soll das gehen, wenn das Unterbewusstsein gegen uns arbeitet, sich gegen uns bäumt. Wie können wir dann mit Leichtigkeit in die Zukunft gehen.

Die Liebe zu Italien ist geblieben und zwei Menschen aus einer anderen Zeit haben sich wieder gefunden. Sie haben einen Platz, einen Lieblingsort in Italien unter einer Bank, von dem aus sie über die Felder schauen, jeden Spätsommer.


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